Einer repräsentativen (man nehme 1008 Menschen unterschiedlicher Schichten und fertig) Umfrage zu Folge wünscht sich jeder 8te Deutsche die Ost-/West-Grenze zurück. Im “Osten” würde jeder Zweite über schlechtere Lebensumstände klagen als vor der Wiedervereinigung.
Abgesehen davon, dass mir nach 20 Jahren das Gesülze um Ost- und West so langsam mordsmäßig zum Hals raushängt denke ich, dass diese 13 Prozent (in den neuen Bundesländern, in den alten Bundesländern sind es 12%) blind durch die Welt gehen müssen und vollkommen undankbar sind.
Undankbar denen gegenüber die 1989 für eine freie DDR auf die Straße gegangen sind, und undankbar den wesentlich mehr Menschen gegenüber, die seit 1990 für eine gemeinsame Zukunft der deutschen Staaten gekämpft haben und noch heute kämpfen. Aber vor allem ist es das Verschließen der Augen vor der Wahrheit. Der, dass die DDR am Ende war. Der, dass es den neuen Bundesländern heute verhältnismäßig gut geht. So gut gar, dass ich die einzelnen Stimmen in der Politik, die nach 20 Jahren “Aufbau Ost” jetzt einen “Aufbau West” fordern absolut verstehen kann.
Die 13 Prozent sollten sich mal in ihren Heimatorten umsehen. Und dann in westdeutsche Städte fahren. Sie werden schnell feststellen, dass die östlichen Bundesländern den westlichen Ländern um einen Sprung voraus sind - in Infrastruktur, städtebaulichen Wagnissen und frischer Farbe. Schlimme Flecken und verkorkste Bauten gibt es hier wie da, schaut man sich allerdings einmal nur die kulturellen und wirtschaftlich-infrastrukturellen Aspekte an, wird man schnell den Vorsprung des Ostens nicht mehr leugnen können.
Ein Vorschlag vielleicht: Nach den guten Ergebnissen der Linken Fraktionen im Saarland, und weil dort mein Lieblings-Linker Oskar so heimisch ist, wie wäre es mit einer hohen Mauer ums Saarland? Da machen wir die “DSDS” draus - “Deutsches Sozialistisch-Demokratisches Saarland”. Da kommen dann die 12% hin, die sich die Mauer wieder wünschen .. ;)
Ich wurde 1980 in Jena geboren. Ich erinnere mich an das Grau der Städte. An das braun der Wohnzimmer. An den Geruch der meist maroden Häuser. Ich erinnere mich an die Reparaturen von Autos auf dem Hof, deren Rostlöcher größer waren als ein Schuh Größe 45. Ich erinnere mich an wilde Tauschgeschäft. An Bekanntschaften, die durch Bedürfnisse entstanden und aus denen Freundschaft wurde. Was die meisten der damals Erwachsenen in Erinnerung behalten haben dürften, ist eine gewisse Unbeschwertheit. Denn um nicht über die Runden zu kommen, musste man sich schon gehörig anstrengen. Heute ist es umgekehrt. Von Stasi, Meinungsfreiheit und Co. will ich hier nicht einmal anfangen, denn das sind Kapitel der DDR-Geschichte, die man a) kaum aktiv mitbekam, b) akzeptierte und c) heute mehr verklärt.
Ich bin glücklich in einem vereinten Deutschland zu leben. Ich bin glücklich frei zu sein - frei wählen zu dürfen, was ich tun will, frei reisen zu können, frei arbeiten zu können und frei meine Meinung äußern zu können. Unsere drei Kinder sind gesamtdeutsche Kinder - geboren in Jena, Leipzig und Ludwigsburg. Ich fühle mich Deutsch - nicht Ost, nicht West. Wenn überhaupt, dann als Thüringer. Ich bin denen dankbar, die vor 20 Jahren auf die Straßen gingen.
Natürlich lief im “Eingemeindungsprozess” nicht alles gut, aber der Vorgang war ein beispielloses Ereignis. Dass die Nachwehen historisch etwas länger dauern ist verständlich. Trotzdem sollten wir uns so langsam von den Gedanken der Ossis und Wessis verabschieden .. 20 Jahre Einheit, 40 Jahre Trennung. Das sind 60 Jahre - genug Zeit für ein Kapitel, welches ursprünglich mit sechs Jahren Laufzeit begann.
Eintrag vom 08.11.2009
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